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Du arbeitest doch nur sonntags




Der Tweet einer Kollegin hat mich sehr nachdenklich gemacht. Sie schrieb, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie nach einem 10stündigen Arbeitstag schon Feierabend machte. Erst letzte Woche habe ich einen Zeitungsartikel über eine Pfarrerin mit Burnout gelesen. In den letzten Jahren häuften sich in meinem engeren wie weiteren pastoralen Umfeld die Fälle von Burnout. Ich finde, es wird Zeit, sich nicht nur Gedanken über dieses Problem zu machen, sondern auch darüber zu reden! Und vor allem etwas gegen dieses ungesunde Arbeitspensum zu tun! Denn es ist ja inzwischen medizinisch erwiesen, dass mehr als 50 Arbeitsstunden pro Woche krank machen.

Eigentlich wollte ich über dieses Thema gar nicht losschreiben, weil ich doch schon weiß, was wieder an Reaktionen kommt: 
- Ach komm, stell dich nicht so an!
- Manchmal muss man eben auch mal etwas mehr machen.
- Ich arbeite auch so viel und beschwere mich nicht.
- Du wirst schließlich dafür bezahlt!
- Du arbeitest doch sowieso nur sonntags

Da reihen sich diese Kommentare wunderbar mit ein:
- Du fängst um 7.00 Uhr an zu arbeiten? Da bin ich schon zwei Stunden zu Gange!
- Der eine freie Tag, der jetzt mal wegfällt. Das hier ist wichtig, da kannst du ja wohl mal eine Ausnahme machen. Außerdem dauert das ja nur ein bis zwei Stunden.
- Ich habe auch schon einen 12 Stunden Tag hinter mir. Das ist doch normal.

Aber ich bin gewillt, diese Reaktionen auszuhalten, weil das ein wichtiges Thema ist, das leider immer noch viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird.

Kollegen, die selbst regelmäßig Urlaube unterbrechen und freie Tage über den Haufen schmeißen, machen die Sache übrigens nicht besser. Ein Kollege sagte mal: "Ich brauche gar nicht unbedingt einen freien Tag. Ich kann auch gut die Woche durcharbeiten." Das Problem dabei ist, dass das dann auch von uns anderen erwartet wird. Plötzlich wird man schief angesehen, wenn man darauf besteht, an seinem freien Tag auch wirklich frei zu machen und muss sich womöglich auch noch dafür rechtfertigen.

Das Argument, dass es ja an mir selbst liegt, wieviel Zeit ich für meine Arbeit brauche, wird auch immer wieder gerne genannt. Ich habe schon zu hören bekommen: "So eine Andacht machst du doch im Vorbeigehen!"

Ich will meine Andachten aber nicht im Vorbeigehen machen! Ich möchte genug Zeit haben, um sie vernünftig vorzubereiten und nicht irgendwie ein paar Gebete, Lesungen und Lieder zusammenklatschen, weil die Zeit für mehr nicht reicht. Andachten und Gottesdienste sind für mich immer noch Kunstwerke, die ich gerne mit viel Hingabe gestalte. Zeit bleibt dafür im Grunde nicht. Es sei denn, ich lasse mich auf eine 60-70 Stunden Woche ein und lebe damit, dass ich wie meine Kollegin ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich "schon" nach 10 Stunden Feierabend mache.

Und ja: Ich sehe die angenervten Zweifler schon wieder vor mir. Die, die mir mein Arbeitspensum nicht glauben. Die, die gar nicht hören wollen, wieviel ich arbeite. Die, die noch weniger hören wollen, dass mich das anstrengt und müde macht. Ich frage mich immer, WARUM viele immer so genervt reagieren, wenn Menschen den Mut haben zu sagen, dass sie ein (zu) großes Arbeitspensum haben. 

Ganz schnell gibt es Diskussionen und Argumentationen, warum wir doch gar keinen Grund haben, uns zu beschweren. Ich habe mir auch schon anhören dürfen: Rede doch einfach nicht drüber und nimm dir deine Auszeiten einfach. Sind wir schon soweit?! Muss ich mir meine Auszeiten jetzt schon heimlich nehmen, weil es so überhaupt nicht "in" ist, über Arbeitszeiten und Freizeitausgleich zu sprechen und weil dieses Thema unweigerlich in Streit endet?

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass es weder der Kirche als Institution noch den ihr angehörenden Schäfchen etwas nützt, wenn überall ausgebrannte Pastor*innen aus den Latschen kippen!

Und jetzt zu mir: Warum schreibe ich das hier eigentlich alles? Weil es ein wichtiges Thema ist.

Stehe ich kurz vor dem Burnout? Nein, zum Glück nicht. 

Warum ich dann soviel über den stressigen Pastorenberuf schreibe? Weil es sehr viele andere Pastor*innen gibt, die kurz davor sind, krank zu werden, oder es schon sind, und ich finde, dass das kein akzeptabler Zustand ist!

Übe ich meinen Beruf gerne aus? Ja, zum größten Teil. Er würde mir aber noch viel mehr Freude machen, wenn ich ohne viel Aufhebens meine Batterien wieder aufladen könnte - ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne mich rechtfertigen zu müssen.

Kommentare

  1. Aus meiner persönlichen Sicht treffen bei Pfarrern mehrere Umstände ungünstig aufeinander:
    (teil 1)

    1) Hohe Schwankung bei den Aufgaben: Niemand weiß, ob in einer Woche 2 oder 20 Seelsorge-Gespräche benötigt werden; niemand weiß ob ein Trauergespräch 20 oder 120 Zeit benötigt usw.
    Einen Gottesdienst alleine vorzubereiten geht meist schneller als wenn man noch 5 andere mit einbeziehen muss. Aufgaben in der Pfarramtsleitung kommen aus dem Nichts, wenn z.B. plötzlich ein Problem mit einem Grundbucheintrag besteht oder ein Sturm einen Baum entwurzelt und über das Nachbargrundstück gelegt hat.

    2) Hohes Entgelt vs. gefühlt sinkende Leistung: die Pfarrbesoldung soll (zu Recht - soweit eben möglich) viele schwierige Aspekte des Pfarrberufs ausgleichen. In der Wahrnehmung werden diese negativen Aspekte aber reduziert - freie Tage, keine 24x7-Erreichbarkeit, Aufgaben werden abgegeben usw. Aus dem eigenen Berufsleben kennen die Leute: Weniger Leistung = weniger Geld. Ob aber diese alten Anforderungen vielleicht schon immer zu hoch waren oder auch einfach andere (nicht sichtbare) Aufgaben dazugekommen wird kaum beachtet oder gar diskutiert.

    3) Andere Berufsgruppen sorgen für viel mehr Transparenz: Für Kantoren und Religionspädagogen gibt es bspw. meist Richtwerte, welche Aufgaben ungefähr wie viel Zeit beanspruchen sollten. Und es wird offen kommuniziert was man sonst noch so tut, welche Aufgaben in Wirklichkeit viel länger dauern usw. Diese Form der Transparenz sorgt dafür, das Aufgaben entspannter abgewiesen werden können bzw. das vielen auch klar ist dass "mehr" eben nicht geht.
    Ins Hintertreffen geraten die Pfarrer, bei denen es all das nicht gibt. Wenn die eine "typische Woche" aufzählen gibt es immer Zweifler (die es übrigens überall gibt), die das als Ausrede abtun. Und leider vergessen sie als Allrounder auch immer mal darauf hinzuweisen, was denn ein spezialisierter Profi täte. Für die Kosten eines guten Redenschreibers für 2x15 Predigt bekommt man schließlich einen ganzen Pfarrer mit 50 Wochenstunden...

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    1. (teil2)
      4) Große inhaltliche Spanne: Von Verwaltung bis zum Menschen ist alles dabei. Der Trauerfall kann genauso wenig zurückgestellt werden wie der Grundsteuerbescheid. Es gibt sehr viele Aufgaben mit sehr hoher Priorität und Dringlichkeit, aber mit geringer Transparenz. Dadurch fühlen sich viele dann zu Unrecht abgewiesen - "es geht doch nur um 20 Minuten".

      5) Fehlende/schlechte Weiterbildungen: Das was ich bisher so bei den Pfarrern in meinem Umfeld an Weiterbildungen wahrgenommen habe lässt mich erschaudern. Selbst Webinare zum Thema Selbstorganisation, Priorisierung, Umgang mit Technik usw. sind i.d.R. ergiebiger als das, was ich da so mitbekommen habe. Führungskräfte in großen Unternehmen bekommen regelmäßig Fortbildungen zu Mitarbeiterführung, Erfolgskontrolle etc. Landeskirchen mit x-hundert Pfarrern (=Führungskräften) "schaffen das auch so". Really?


      Es gibt noch ein paar weitere "kleinere" Punkte, aber diese Big5 machen aus meiner Perspektive den größten Ärger. Jeder Punkt bietet teilweise auch andere Lösungsoptionen.

      Und natürlich hilft mehr Transparenz nicht sofort. Wenn aber über den Kirchenvorstand oder die Besucher des Bibelgesprächskreises solche Dinge weitergetragen werden kann sich etwas ändern - Anerkennung lässt sich aufbauen, die Achtsamkeit der Gemeinde ggü. dem Pfarrer erhöhen und ab und an findet man so auch neue Ehrenamtler, die Teilaufgaben übernehmen von deren Existenz sie bisher nichts wussten.

      Der Preis dafür ist, transparenter zu werden. Die eigenen Prioritäten offenzulegen, zu Schwächen zu stehen. Klar zwischen Information, Jammern und Zusammenbruch zu unterscheiden. Man gibt dieses unnahbare "Mein Beruf ist einmalig und ihr versteht das nicht" ab.

      Ja, das fällt vielen schwer.

      Aus meinem Erleben als Kirchvorsteher lohnt sich das aber. Für alle.

      Viele Grüße,
      Thomas

      PS: Wir haben in unserer Gemeinde über mehrere Jahre diese Transparenz bei den Religionspädagogen aufgebaut. Ich weiß, wie steinig der Weg ist. Und was für wunderbare Pflanzen auch im Geröll zu finden sind.

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    2. Vielen Dank für das Teilen dieser Einsichten! Übrigens: Ich würde gerne auf einen Teil des Gehaltes verzichten, wenn ich dafür mehr Zeit für meine Familie und mich hätte. Das Problem dabei ist, dass bei einer halben Stelle nur das Gehalt halbiert wird. Die Arbeit bleibt dieselbe. Man sagte mir mal: "Was ist 50% von unendlich? Immer noch unendlich!"

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